Autorinnen kennenlernen

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Direkt gegenüber dem Stiftskirchenturm in Tübingen – um Mitternacht 40 eindringliche Glockenschläge – fand unser Mittwochssalon statt, aus dem heraus der Verlag gegründet wurde. Wir saßen an einem alten großen Tisch (an dem wir heute noch oft sitzen) im größten Zimmer der WG. Der Japanologe Peter Pörtner und ich realisierten (ungeachtet der Zweifel der anderen Debattierenden) die Nummer eins von „konkursbuch“. Peter Pörtner ging kurz darauf nach Tokyo und kam etwa 1983 zurück, hatte eine Uni-Stelle in Hamburg. Als ich ihn das erste Mal nach seinem Japan-Aufenthalt wiedertraf, berichtete er, dass er eine junge Japanerin kennengelernt habe, die zauberhafte Gedichte schreibe. Er las mir ein Gedicht vor, auf Japanisch und auf Deutsch, er hatte es für mich übersetzt. Ich war hingerissen, von einem einzigen Gedicht.
Ein halbes Jahr später, etwa Anfang 1985, lernte ich die Autorin in Hamburg kennen, wo sie beim Barsortiment Grossohaus Wegner (vermittelt von ihrem Vater, einem Buchhändler) arbeitete. Wir trafen uns. Yoko Tawada brachte ein streichholzschachtelgroßes selbstgebasteltes Buch mit. Wie dieses Buch stelle sie sich ihr erstes „richtiges“, also in einem Verlag veröffentlichtes, Buch vor. In dem Buch eine Folie, auf der Gedichtzeilen zum Variieren standen, ein Spiel mit der Unübersetzbarkeit (im Japanischen erkennt man an der Sprache, ob eine Frau oder ein Mann spricht, und darauf spielten die später teils auf rosa Hintergrund gedruckten Zeilen zum Variieren an). 1985 und 1986 erschienen einzelne Gedichte im konkursbuch, inzwischen waren wir bei Nummer 16/17. 1987 erschien das erste Buch „Nur da wo du bist da ist nichts“, Prosa und Lyrik, von vorne und von hinten zu lesen, zweisprachig. Die japanischen Zeilen wurden in einer traditionellen japanischen Schrift gesetzt, von oben nach unten und rechts nach links zu lesen, in Tokyo. Es gab zwar schon „Fotosatz“ (wie heute direkt vom Computer in die Druckmaschinen ging es noch nicht), aber Fotosatz für japanische Schrift fanden wir nicht, oder er war unbezahlbar. Das Buch sah ihrem selbstgebastelten sehr ähnlich. Die Protagonistin des Prosatexts besucht eine Bilderbuchausstellung, ein Marionettentheater, und zum Schluss trifft sie sich mit einer Frau in einem Antiquariat, das es nicht gibt.
Yoko Tawadas Prosa und Lyrik, ihr genauer Blick auf Details der Sprache und des Alltags „zwischen den Kulturen“ begeistert mich heute genauso wie damals. Und die Idee, was Bücher sind. Bücher zum Lesen und zum Blättern mit den verschiedenen Verlags-Autorinnen gemeinsam zu gestalten, ist noch immer ein großes Vergnügen. Oft sitzen wir dabei am Verlagstisch, um den sich mit den Jahren surreal anmutende Gerüchte rankten, die Yoko Tawada uns einmal weitergab.
Inzwischen sind von ihr 21 Bücher bei uns erschienen, sie hat Literaturpreise in Japan und Deutschland erhalten und war mit über 900 Lesungen an vielen Orten der Welt. Die Gestaltung ihrer Bücher wird noch immer von ihr mit angeregt (in diesem Jahr zwei neue Bücher – und mir stellt sich eine komplizierte Gestaltungsaufgabe für eins der beiden). In Japan publizierte sie ihr erstes Buch im Jahr 1991. Es gibt inzwischen auch viele japanische Bücher. Einige sind aus dem Deutschen übersetzt, ein Buch aus dem Japanischen ins Deutsche, ein anderes („Etüden im Schnee“) hat Yoko zweimal geschrieben, auf Japanisch und auf Deutsch, aber viele Bücher gibt es nur auf Japanisch. In diesen für mich unlesbaren Büchern blättere ich sehr gerne.
Vor ein paar Tagen haben wir erfahren, dass Yoko Tawada den Kleistpreis 2016 erhält! Herzlichen Glückwunsch, Yoko.
Claudia Gehrke

 

Yoko Tawada Die Flucht des Monds

Ich sang in der Toilette
da kam der Mond
herangerollt

nackt
auf einem Fahrrad
Er hatte den Weg mitten durch den Metaphernpark genommen
um mich zu treffen

Draußen die Straße entlang
spazierte zähneputzend eine schöne Frau
Auf der Bank im Park
trank ein Mann in Umstandskleidung Apfelsaft
Am Ende eines Jahrhunderts ist Gesundheit eben angesagt

Im Himmel klafft ein Loch
Die mondgestaltige Angst der mondgestaltige Kummer sind weg
Alles Gestaltige flattert munter
um das Loch herum

Die Falte des Abgrunds glättet sich
Auf der blanken Oberfläche der Sorge
treten die Dichter auf Schlittschuhen an

Mond – meiner – neben mir

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, aus Yoko Tawada, Nur da wo du bist da ist nichts

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