Auge-Leidenschaft

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Wie jedes Jahr stöhnte ich zu Beginn der Arbeit an der Auswahl für unser erotisches Jahrbuch Mein heimliches Auge und hatte das Gefühl, es könnte niemals gut werden. Las mich durch Stapel langweiliger Texte, bildete mir ein, dasselbe in vorherigen „Augen“ oder anderswo in schönerer sprachlicher Form in gelesen zu haben. Zum Beispiel gab es in den eingesandten Texten immer wieder Variationen von Gebrauchsanweisungen: X streichelte mit drei Fingern ihrer rechten Hand seine oder ihre Schulter (oder andere sexuell bedeutsame Körperteile) – mir würde reichen: Sie umfasste oder streichelte … was auch immer. Ob es die rechte oder linke Hand war, ist mir egal, und dass es „ihre“ Hand war (wessen sonst?), ist klar, und auch, dass es überhaupt die Hand ist, die „streichelt“, es sei denn, sie streichelte mit Zunge. Über die Bilder stöhnte ich ebenso. Glatte geleckte unechte Körper in erotischen Posen, sogenannte Aktfotografie ohne Leben.
Doch dann fand ich zwischendurch Text- und Bild-Perlen. Ich fing an, das Layout zu bauen. Probierte zunächst Ewigkeiten (statt Texte oder Bilder auszuwählen und einzubauen) mit der Schrift herum. Sicher sinnvoll, eine lesbare Schrift für den Satz in Spalten zu finden, zugleich ein Ablenkungsmanöver. Ich dachte, ich würde niemals hineinfinden. Schließlich baute ich einige Seiten. In der nächsten Nacht schaffte ich noch ein paar Seiten. Kurz vor Mitternacht fragte ein Autor nach, ob ich seinen Text bekommen habe, den er Anfang des Jahres gemailt hatte. Hatte ich, aber in meinem Überdruss nicht mehr gelesen. Ich las ihn jetzt – er riss mich mit und passte genau an die Stelle, an der ich im Ablauf der Texte und Bilder war! Und zehn Minuten später kam die Antwort zweier Bildautorinnen, die ich übers Internet gefunden und angefragt hatte. Sie mailten, dass sie gerne mitmachen würden, und schickten Bilder – und diese Bilder wiederum passten genau hinter den Text, und einen Text, mit dem ich diese Bilder kombinieren kann, gibt es auch.
Der Moment, in dem es beginnt, sich wie ein Reißverschluss zusammenzufügen, das ist der Moment, in dem sich der Fluss des Gestaltungsprozesses in Bewegung setzt. Der Rausch, die Lust am „Heimlichen-Auge-machen“ ist da! Der erregende Fluss der Gestaltung! Ohne den vermutlich kein heimliches (lesbisches, schwules) Auge erscheinen kann!
Selbst wenn ich – weil immer wieder etwas hinzukommt und eine Freundin/Praktikantin/Autorin auf das Layout schaut und meinen Blick für Unstimmigkeiten öffnet – den berauschenden Anfangsablauf später wieder ändere, bleibt es im Fluss und wird ein Ganzes.
Claudia Gehrke

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