Als junges Mädchen

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Als junges Mädchen versuchte ich immer, Leuten zu erklären, wie komisch es ist, dass man jemanden lieben soll, der einem gefährlich werden kann. Einen Mann. Niemand hat es verstanden. Ich hatte oft Angst, wenn ich alleine mit dem Fahrrad ins Feld hinter unserem Dorf fuhr. Denn meine Mutter hatte gesagt, da verstecken sich böse Männer im hohen Getreide, die Mädchen entführen wollen. Auf dem Schulweg, wo mich jahrelang jeden Tag ein alter Mann im Vorbeigehen anfasste, er suchte immer mich aus, obwohl wir zu dritt oder zu viert gingen. Dann quetschte er sich dazwischen und ließ seine Hand an meinem Po streifen. Als ich später als Jugendliche zum ersten Mal nach Frankfurt fuhr und am Hauptbahnhof ausstieg. Es war einfach fürchterlich, wie einen all diese Männer anstarrten und ansprachen, wie sie einen mit ihrem hämischen Lachen bedrohten. Ich hatte Angst, als mich einmal ein Mann, der mich aus dem Jugendclub in der Stadt nach Hause mitnehmen wollte, mitten im Wald aussetzte, worüber ich noch froh sein konnte. Er tat es nur, weil sein Arm in Gips war und er wohl fürchtete, mich so nicht vergewaltigen zu können. Ich hatte auch Angst, als ich einmal als Studentin auf dem Rasen vor der Uni saß und ein Araber auf mich zukam. Man sehe meine Unterhose, ich solle mich ordentlich hinsetzen. Ich hatte als junges Mädchen und Frau unglaublich oft Angst vor Männern, wenn ich von Morden an Mädchen und Frauen hörte, am allermeisten. Waren Männer meine Feinde?
Später als ältere Frau, sagen wir ab 35, definierte ich diese Angst um in Erregung. Ich fand genau die Männer gut, die ein bisschen fies waren, macho, ja, die gewisse Angst erregte mich. Natürlich nur in einem spielerischen Rahmen, wobei es manchmal eine Gratwanderung war und ich drohte, links oder rechts herunterzufallen. Ich stand auf echte Kerle, wie man so sagt.
Inzwischen interessiert mich auch dieses Erregungspotenzial nicht mehr richtig, ich befasse mich kaum noch mit „Kerlen“ auf der besagten Ebene. Dieser Ausgleich fehlt mir jetzt. Und genau deshalb hat mich die Kölner Silvesternacht in Depression und Panik versetzt. Mir kamen all diese Angstgefühle aus meiner Mädchenkindheit und Jugend wieder hoch, das Gefühl, sich nicht frei bewegen zu können. Ich hatte Angst. Und ich hatte Wut, eine rasende Wut auf diese Männer. Und ich konnte meine Töchter verstehen, die noch mehr Wut haben, die sich auch in ihrer politischen Meinung äußert. Ich will mich frei bewegen, ich will keine Verhältnisse wie in arabischen Ländern, ich will mich nicht verschleiern, weder tatsächlich noch psychisch noch verhaltensmäßig.
Dann bin ich bei einer Lesung von Hassan Ali Djan, der das Buch „Afghanistan. München. Ich“ geschrieben hat. Die Geschichte seiner Flucht, die Geschichte seiner „Integration“. Das Buch ist wahnsinnig rührend, ich musste an vielen Stellen weinen. Auch Hassan Ali Djan sagte, dass das Frauenbild in Deutschland ihm völlig fremd war, dass er nicht verstand, was Frauen hier alles dürfen. Er hat es akzeptiert, allerdings konnte er mit einer deutschen Frau keine Beziehung führen, sie war ihm zu sehr auf sich selbst bezogen. Er hat eine Muslimin aus Marokko geheiratet. Doch immerhin hat er mir Hoffnung gemacht, dass auch die Männer aus Köln etwas lernen könnten. Ich hoffe es, damit weder ich noch meine Töchter und Enkelin Angst vor Männern haben müssen, sondern sie vielleicht wirklich lieben können.
Claudia Wessel

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