Allein zu zweit

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Eigentlich möchte ich ja hier einfach nur den Artikel von Axel Hacke, Kolumnist im Magazin der Süddeutschen Zeitung, reinkopieren. Aber das darf ich sicher nicht, weshalb ich nacherzähle, was er schreibt. Es ist eine Glosse in seiner Rubrik „Das Beste aus aller Welt“. Eigentlich mag ich diese ja nur selten so sehr wie seine früheren Geschichten unter dem Titel „Das Beste aus meinem Leben“. Da ging es um den Alltag mit Kindern und Frau, und das war immer wunderbar. Was er an Kuriositäten aus aller Welt sammelt, ist nicht halb so gut. Aber diesmal (Ausgabe des Magazins vom 3. Juli 2015) ging es um ein angebliches neues Abrechnungssystem von Amazon: Der Verfasser werde im Zeitalter von E-Books nur noch einen Anteil für die tatsächlich gelesenen Seiten erhalten.
Dies vergleicht Hacke dann mit anderen Branchen. Was etwa, wenn man das Geld für einen nicht ausgetrunkenen Kaffee zurückverlange etc. Aber auch, was für Folgen das dann für das Schreiben der Autoren habe, malte er aus. Wie sie sich abmühen würden, die besten Sätze zu drechseln, um die Leser von Seite zu Seite zu hieven.
Noch wichtiger fand ich aber folgende Stelle, die ich jetzt einfach mal doch zitiere: „Nun ist, wie jeder weiß, bei einem gedruckten Buch kaum festzustellen, welche Seite jemand tatsächlich gelesen hat und welche nicht; dazu bräuchte man Überwachungspersonal, Kameras, Verhöre. Bei einem elektronischen Buch aber ist nichts leichter als das: Liest jemand einen Text auf einem Kindle, weiß hinterher oft die Firma Amazon mehr über ihn als er über die im Text dargelegten Sachverhalte. Denn auf ihren Computern wird gespeichert, zu welcher Tageszeit jemand las, wie lange er auf einer Seite verweilte, welche Sätze er sich markierte, wie viele Stunden er insgesamt benötigte und an welcher Stelle er das Buch vielleicht für immer zur Seite legte. Würde ein Geheimdienst die Menschen auf diese Weise überwachen, wären die Leute von Sinnen vor Ärger. Bei Amazon und überhaupt bei allen Firmen, die ihre Texte auf Elektrobüchern anbieten, bezahlen sie dafür.“
Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass es einfach schöner ist, ein Papierbuch in der Hand zu halten, fand ich diesen Aspekt wirklich abschreckend. All die Entspannung, die ein Buch bietet, mit dem man sich im Sessel und vor der Welt verkriecht, ist damit für mich dahin. In diesem Sinne fand ich den letzten Satz in Hackes Kolumne wunderbar: „Im Übrigen ist gegen elektronische Lesegeräte nichts zu sagen, außer dass man als Leser mit einem gedruckten Buch immer wirklich sicher sein kann: Wir zwei sind ganz allein …“
Claudia Wessel

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