Allein im Protest am Kölner Hauptbahnhof

| Keine Kommentare

Am Samstag nach den Attentaten von Paris habe ich im Eingang zum Kölner Hauptbahnhof gestanden und ein Schild hochgehalten, auf dem stand: „Morde in Paris: Solidarität mit den europäischen Juden!“. Ich war allein mit meinem Protest und wankte vergrippt, aber musste das einfach tun. In Paris waren vier Männer in einem jüdischen Supermarkt ermordet worden – weil sie Juden waren. In Europa werden seit einigen Jahren wieder Juden ermordet, nur weil sie Juden sind. Tata. Wenige in Deutschland schert’s offenbar.
Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz betete ein Flashmob evangelikaler Christen kniend im strömenden Regen für verfolgte Christen in aller Welt. Angesichts der Christenverfolgung in vielen islamischen Ländern oder Nordkorea macht das Sinn, und zwei Frauen, die mich ansprachen, fand ich auch nett. Aber ein Mann sagte, entre nous, „der Islam“ sei grundschlecht, und ein zweiter lobte mich erst für mein Engagement gegen Judenhass, um mir dann raunend zu enthüllen, „die Juden“ hätten den Ersten Weltkrieg begonnen, das könne er mir zuverlässig sagen. Ich brach beide Gespräche höflich ab.
Einige Vorübergehende sahen mich an, als wäre ich selbst eine Terroristin, indem ich auf Terrorismus hinwies, aber ich hielt ihre Aversion tapfer naseschnäuzend aus. Ein neuseeländischer Tourist bat, mich mit Schild fotografieren zu dürfen, auch eine kleine, scheue Frau. Ein großer Mann rief im Vorübergehen leise mit russischem Akzent: „Machen Sie weiter so!“ Ein älteres Ehepaar aus einem Vorort monierte, auf meinem Schild sollten auch Muslime und Christen verzeichnet sein, „nicht nur Juden“. Worauf ich darauf hinwies, dass bei den Attentaten keineswegs gezielt Muslime und Christen getötet worden seien, sondern Zeichner und Polizisten – nur Juden seien explizit wegen ihrer Religion exekutiert worden. Auch könne das Ehepaar sich gerne ein Ergänzungsschild basteln und zu mir stellen.
Ich habe, unterm Strich, freundliche, interessante Begegnungen gehabt. Die überraschendste und schönste: Eine junge muslimische Frau mit Kopftuch zeigte mir rasch im Vorübergehen lächelnd einen erhobenen Daumen, im Sinne von: „Super, dass Sie gegen den Mord an Juden protestieren.“
Henrike Lang

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: