Adelbert-Chamisso-Preis 2015

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Gerade noch rechtzeitig kam ich in die in wechselndem lila-, rot- und orangefarbenem Licht getauchte Allerheiligen-Hofkirche der Residenz München, um einen der letzten Plätze zu ergattern. Ohne kirchliche Ausstattung wird sie heute vorwiegend für Konzerte oder sonstige festliche Veranstaltungen genutzt. Eine solche ist die 31. Adelbert-von-Chamisso-Preisverleihung, die durch die Robert-Bosch-Stiftung jährlich für deutschsprachige, bereits veröffentlichte Werke von muttersprachlich nicht deutschen AutorInnen initiiert wird. Der Abend war sehr gut strukturiert. Locker und informativ führte die Moderatorin durchs Programm. Wir erfuhren, dass Chamisso (1781-1838) aus Frankreich stammte und in den Wirren der Französischen Revolution nach Berlin zog, von wo aus er seine Weltreisen unternahm. Er lernte die deutsche Sprache perfekt, weshalb der Verfasser von Peter Schlemihls wundersame Geschichte (sein bekanntestes Werk) für die Robert-Bosch-Stiftung der ideale Namensgeber ist. Seit zwei Jahren sei der Preis (es gibt ihn seit 1984) breiter aufgestellt, sodass auch AutorInnen, die in der zweiten Generation hier aufgewachsen sind und deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist, das sich intensiv mit unserer Kultur auseinandersetzt, den Chamisso-Preis bekommen können. So suche Bosch ständig nach spannenden AutorInnen, 30 bis 40 Bücher werden jährlich gesichtet und es sei immer wieder ein Wunder, dass die Jury nach anfänglich unterschiedlichen Meinungen am Schluss mit einer gemeinsamen auseinandergeht.
So geschehen bei den drei Preisträgern des Abends, die zunächst per Film, dann von den jeweiligen Laudatoren vorgestellt wurden. Als Erster der 1983 in Celle geborene Förderpreisträger Martin Kordic, Sohn eines kroatischen Gastarbeiters. Lebt als Lektor, Journalist und Literat in Köln. Ausgezeichnet wurde sein 170 Seiten schmaler Debütroman Wie ich mir das Glück vorstelle (Hanser, 2014). Er handelt von Leid, Krieg, Vertreibung und Flucht im einstigen Kroatien. Die Erzählung selbst wird zum Glück, fünf Jahre benötigte er dafür. Länger als zwei Wochen am Stück konnte er nicht daran arbeiten, Pausen und Loslassen waren notwendig. Momentan genieße er die Freiheit, ohne einem Projekt verpflichtet zu sein.
Als Nächste bat man Olga Grjasnowa (schwanger) auf die Bühne. Der 1984 in Baku (Aserbaidschan) Geborenen, die bereits zwei Literaturpreise erhielt, sei so gleich zweimal das Glück beschieden. Mit 11 Jahren kam sie zu uns und lernte Deutsch. Ihr zweites Buch, Die juristische Unschärfe einer Ehe (Hanser, 2014), handelt von einem ungewöhnlichen homosexuellen Paar. Der Roman mit ironisch-lakonischem Ton besteche durch Aktualität und Vielschichtigkeit. Wie beim Tanz umkreisen sich die Figuren und driften wieder auseinander. Auch sie erhielt den mit 7.000 Euro dotierten Förderpreis.
Den Hauptpreis (dotiert mit 15.000 Euro für sein Gesamtwerk, besonders für seinen jüngsten, fünften Roman Der letzte Ort (Luchterhand, 2014), erhielt Sherko Fatah. 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen geboren, in der DDR aufgewachsen, übersiedelte er 1975 mit seiner Familie über Wien nach West-Berlin, wo er als freier Schriftsteller lebt. Fatah, mehrfach ausgezeichnet, erkundet den Osten. In seinem atemberaubenden Thriller werden ein deutscher Archäologe und sein arabischer Übersetzer als Geisel in die Wüste entführt. Sie müssen befürchten, per Video vorgeführt und geköpft zu werden. Mit seinen prophetischen Fiktionen hat er vorweggenommen, was jetzt durch den IS grausame Realität wurde. Sigrid Löffler hielt die Laudatio.
Renée Rauchalles

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