9. November 2016
von Claudia Gehrke
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Abschiede

Im Moment stelle ich eine Übersicht über die Abläufe bei unseren Berliner Veranstaltungen zusammen. Präsentation des neuen schwulen Auges, Berliner Klein-Verlags-Buchmesse, dort Liebesleben-Lesung mit Kali Drische und Marina Lioubaskina, zeitgleich die Lesung von Yoko Tawada im Literarischen Colloquium. Und die Verleihung des Kleist-Preises an Yoko, auf die wir uns sehr freuen. Fahrzeiten von einem Ort zum anderen , welche Bücher wohin. Gleichzeitig verschicken Praktikantin Rosa Li und ich Infos zu den „Love Bites“ im Dezember an Monatsmagazine, die Reisen der Tänzerinnen, Musikerinnen, Autorinnen müssen organisiert werden. Sunita Sukhana hat vor ihrem Abschied noch viele Veranstaltungen in die Wege geleitet. Gleichzeitig müssen Presseexemplare verschickt werden. Lesungen für die Leipziger Buchmesse angemeldet (das muss man online machen, als ich es das letzte Mal selbst machte, telefonierte ich und schickte die Vorschläge per E-Mail). Facebookeinträge. Veranstaltungen teilen, regelmäßig kurze Beiträge für Thrillerseite, unsere Seite und so weiter einstellen. In den Buchblogs Rezensionsexemplare anbieten, Diskussionen anstoßen. Mir ist schwindelig.
Sunita hat sehr übersichtliche Arbeitslisten hinterlassen. Was wann zu tun ist. Es ist einfach. Trotzdem ist es schwierig, die Fallen zeigen sich, wenn man die Dinge das erste Mal tut. Neulich löschte ich mal eben kurz die ganze Facebookseite, statt nur einen Link, der zu einer Rezension führte, die auf einer Seite stand, auf der es wohl einen angedeuteten Nippel zu sehen gab und der deshalb von Facebook blockiert wurde (ich fragte mich, wie die Facebooksuchmaschine weibliche von männlichen unterscheiden kann).
Es gibt ja auch noch meine „ganz normale“ Arbeit als Verlegerin. Das Frühjahrsprogramm entsteht, schon sind wieder (zu) viele schöne Bücher möglich, doch ich bin noch bei den ebenso schönen Herbstbüchern, bei Yoko Tawada, Ulrike Voss, den erotischen Jahrbüchern. Das Verkaufen wird immer schwerer, Verlagsvertreter kündigen oder gehen in Rente, ein kleiner Verlag zwischen Schubladen ist ihnen zu schwierig – auch nach 38 Jahren wünschen wir uns, dass man unsere Bücher zwischen anderen in Buchhandlungen sehen und darin blättern kann. Am liebsten würde ich einfach nur Bücher machen. Verkaufen und der andere große (buchhalterische) Rest der Arbeit als Selbstständige sollten sich (ein Traum!) von selbst erledigen. Sunita hat sie erlebt, die Folgen der Steuerprüfung zeigen sich jetzt, Nachzahlungen für Null-Einkommen aufgrund einer Umstrukturierung und Lagerbewertung (wir halten die Bücher unserer Autorinnen lieferbar, auch wenn sie sich langsam und wenig verkaufen, in Augen des Finanzbeamten nicht nachvollziehbar: „Wieso heben Sie das auf, wenn es sich nicht verkauft?“). Und die VG-Wort-Rückforderungen sind inzwischen auch angekommen. Und und und. Wie sollen wir das alles schaffen?
Mir fehlt Sunita. Mir fehlt ihre ausgeglichene ruhige freundliche Art. Wie sie früh in den Verlag kam und mit warmer Stimme „Guten Morgen“ sagt. Wie schnell und gut sie sich in die vielen Bereiche der Presse-/Öffentlichkeitsarbeit eingearbeitet hat und sie organisierte! Dazu sich im Lektorieren übte. Und schnell gute Texte verfassen konnte. Und wie sie das schwule Auge einrichtete, als würde sie es von der Nummer eins an machen (so formulierte es einer der Herausgeber, Axel Schock), sachlich und professionell. Es war von ihrem ersten Arbeitstag an klar, dass sie nur ein Volontariat macht. Sie hat alles in Bewegung gesetzt, ihr Studium so zu gestalten, dass sie anderthalb Jahre für uns pausieren kann. Mir erschien die begrenzte Zeit ewig. Mir fehlt, dass wir uns zu dritt oder viert, Sunita, Berndt Milde, der Mailordermann, oft eine Praktikantin und ich einmal in der Woche zum Essen trafen, um entspannt über Verlagsarbeiten zu reden. Berndt Milde und ich neigen beide zu explosivem Verhalten unter Stress (bei Messevorbereitungen etc.), Sunita blieb immer ruhig, auch wenn mal etwas schiefging, sie hat auch uns ruhiger gemacht. Auch die langjährige Mitarbeiterin vor Sunita hat sehr engagiert für uns gearbeitet, hat uns sehr geholfen, auch sie fehlt. Sie neigte zu Hektik und Aufregung im Stress. So kam es manchmal zu „Explosiv hoch drei“. Das gab es mit Sunita nicht. Ich habe das Gefühl, etwas von ihrer ruhigen Art bleibt im Verlag, dass wir die Dinge gelassener angehen können, auch wenn die Probleme unüberwindbar erscheinen. Sunita, danke für alles!
Wir wissen jetzt (leider), wer der nächste US-Präsident wird, ich weiß noch nicht, wer Sunita nachfolgen wird.
Claudia Gehrke

19. Oktober 2016
von Sunita Sukhana
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548 Tage

Es ist schon ein bisschen komisch, das Gefühl, wenn ich daran denke, dass heute mein letzter Arbeitstag beim konkursbuch Verlag ist. Das letzte Mal, dass ich an diesen PC sitze und auf dieser Tastatur tippe. Das letzte Mal, dass ich mir einen Tee in dieser Küche zubereite. Das letzte Mal, dass ich hoch zu Claudia Gehrke in den zweiten Stock rufe, wenn ich eine Frage habe. Egal ob gerade eine Praktikantin oder ein Praktikant am Nachbarschreibtisch arbeitete, ob die Tänzerinnen unserer Show Love Bites im Nebenzimmer übernachteten, ob der Steuerprüfer hinter mir saß und in seinen Ordnern wühlte oder ob ich während praktikantenlosen Zeiten, in denen Claudia von La Palma aus arbeitete, ganz alleine im Büro des konkursbuch Verlags war – es ist ein bisschen zu einem Zuhause geworden.
Aber Zuhause, das sind die Menschen, die einen umgeben – und so werde ich mich vor allem anderen an die vielen interessanten Menschen erinnern, die ich während meines eineinhalbjährigen Volontariats kennengelernt habe. Verlegerin Claudia Gehrke, die ihren Verlag behütet wie ihr Baby. Versandmann Berndt Milde, der immer voller Ideen ist, wie Verpackung und Transport effizienter gelöst werden können, und der auch oft einen Witz parat hat. Die Praktikantinnen, die uns nicht nur Arbeit abnahmen, sondern die auch meine Mittagspausen und Busfahrten versüßten mit Gesprächen über die Uni, Freunde und natürlich Bücher. Die Autorinnen, mit denen ich jede Woche mailte und telefonierte, mit denen ich nicht nur über die Pressearbeit ihrer Bücher sprach, sondern auch über ihre Kinder, ihre letzten Reisen, Beziehungen, Politik und mehr. Die Musikerinnen und Tänzerinnen, mit denen ich nicht nur die Technikanforderungen ihrer Nummern bei den Love Bites besprach, sondern auch Buchtipps austauschte und über jüngste Erlebnisse plauderte. Die Veranstalter und Rezensenten, die mir trotz Arbeitsstress immer freundlich und aufgeschlossen gegenübertraten. Und auch die Kunden, mit denen sich auf den Buchmessen Gespräche über die Unterschiede zwischen Generationen und mehr entwickelten.
Wo es mich einmal hintreiben wird? Eine Karriere im Verlagswesen ist durchaus eine Option, aber es tummeln sich auch noch andere Ideen in meinem Kopf. Jetzt werde ich mich erst mal der Literatur mit einem theoretischen Ansatz weiter nähern und mein Masterstudium in Deutscher Literatur beenden.
Ich möchte mich herzlich bedanken bei all denen, die mit mir zusammengearbeitet haben und die die letzten eineinhalb Jahre zu einer ganz besonderen Erfahrung gemacht haben, die mich fachlich wie auch persönlich sehr weitergebracht hat.
Sunita Sukhana

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