19. April 2017
von Florian Rogge
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Meine erste Buchmesse

Vor einem Monat habe ich mein Volontariat im konkursbuchverlag begonnen. Gleich zu Beginn stand mit der Leipziger Buchmesse eine große Veranstaltung auf dem Programm. Die Buchmesse kannte ich bisher nur aus Besucherperspektive. Es war ein schönes Erlebnis, den ganzen Messerummel auch mal von der anderen Seite zu sehen. Über das Messerlebnis ließe sich viel Schönes berichten. So hat mich zum Beispiel die Wandlungsfähigkeit der Messehallen sehr beeindruckt; die Infrastruktur, die dem Ganzen zugrunde liegt, ist wirklich imponierend. Da wird für drei Tage kilometerweise Teppich verlegt, Fernsehstudios und Bühnen entstehen wie aus dem Nichts; dazu natürlich hunderte Stände mit tausenden von Büchern – und wenige Stunden nachdem die letzten Besucher am letzten Messetag die Hallen verlassen haben, ist diese künstliche und bunte Welt auch schon wieder verschwunden; eine Woche später findet schon die nächste Messe statt; Thema: Energiemanagement. Besonders gefallen hat mir auch das allmorgendliche Plakatieren an den Hallenwänden. An den Hallenwänden lässt sich das lebendige Treiben auf der Messe vielleicht am besten ablesen; ein panoramaartiges Kaleidoskop ständig wechselnder Veranstaltungshinweise. Die Plakatflächen der Messewände sind ein Abbild der Messe selbst; nur noch gedrängter und unüberschaubarer. Aus dem Nebeneinander ganz unterschiedlicher Veranstaltungshinweise entstehen manchmal witzige Dialoge. Neben einem unserer Love-Bites-Plakate warb zum Beispiel ein religiöser Kleinverlag eindringlich (fast flehentlich) für einen Vortrag über die fatalen gesellschaftlichen Gefahren der Pornografie. Mein persönliches Highlight jedoch waren die vielen Begegnungen während der Messetage. Als wir nach Leipzig fuhren, war ich erst eine knappe Woche im Verlag, die Messe war für mich also der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Und es war eine wunderbare Erfahrung für mich, gleich zu Beginn meines Volontariats so viele Autorinnen unseres Verlags und so viele Love-Bites-Künstlerinnen persönlich zu treffen. Mit diesen schönen Begegnungen im Hinterkopf ist die Vorfreude auf die kommenden 18 Monate bei mir noch einmal gewachsen.
Ohne dass es die oben geschilderten Eindrücke schmälern würde, hat mich auf der Messe aber auch manches nachdenklich gemacht. Dabei geht es mir nicht um die im Anschluss an die Messe im Feuilleton aufbrandende Diskussion, ob die auf dem Gelände herumlaufenden Cosplayer mit ihren Verkleidungen die hochkulturelle Würde oder den politischen Anspruch der Messe („Für das Wort und die Freiheit #freeTheWords“) beschädigen würden. Als Branchenneuling verstörte mich vielmehr, auf welch rabiate Weise bei der Buchmesse die Literatur zur Ware gemacht wird. Man muss kein vergeistigter, weltentrückter Idealist sein, um es merk- und fragwürdig zu finden, wozu die auf der Messe extrem verdichtete Aufmerksamkeitskonkurrenz gelegentlich führt: Lesungen vor Laufpublikum, unterbrochen von johlenden Beifallsstürmen aus anderen Ecken der Halle, wo irgendein Bestsellerautor auftritt oder ein neuer Shootingstar der Self-publisher-Szene sich für sein neuestes Fantasy E-Book feiern lässt. (Viel besser haben mir unsere Love Bites gefallen; auch wenn hier an beiden Abenden jeweils mehr als hundert Zuschauer kamen, fanden die Veranstaltungen in einer fast intimen Atmosphäre statt; den Autorinnen und Tänzerinnen wurde die ungestörte Aufmerksamkeit des Publikums zuteil.)
Hinzu kommen die ökonomischen Rahmenbedingungen, die dem Event-Charakter der Buchmesse zugrunde liegen. Natürlich ist es gerade für kleine Verlage enorm wichtig, auf der Messe präsent zu sein. Die Bücher des konkursbuch Verlags sind zum Beispiel nur selten in den Schaufenstern von Buchhandlungen zu sehen, auch Rezensionen in Zeitungen mit großer Reichweite sind keine Selbstverständlichkeit. Da sind Veranstaltungen wie die Leipziger Buchmesse eine seltene Chance, ein größeres Publikum zu erreichen; und tatsächlich fanden sich an unserem Stand jeden Tag interessierte Besucher und Besucherinnen ein, die sich viel Zeit nahmen, um unsere Bücher zu beschauen. (Auch das war übrigens etwas, das mir viel Freude gemacht hat: Über unsere Bücher zu sprechen.)
Bezeichnend finde ich die superlativische Sprache der Buchmesse selbst; die, das gerät bei all dem Gerede von Kultur und Literatur leicht in Vergessenheit, in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen ist. Die Rhetorik der Buchmesse strotzt nur so vor Rekorden: Die meisten Besucher, der höchste Umsatz … die Buchmesse als Vermessung des Literaturbetriebs? Ich finde diesen Drang nach Rekorden jedenfalls nicht ganz angemessen, denn Literatur lässt sich nun einmal nicht ganz so einfach in Zahlen umrechnen, ohne dass etwas Wichtiges dabei verlorengeht. Gerade für kleine Verlage könnte sich der Rekordhunger der Buchmesse rasch negativ auswirken, schon heute ist die Teilnahme an der Messe für kleine Verlage schließlich unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten ein eher fragwürdiges Unterfangen. Die Macht der messeeigenen Buchhandlung bekommen gerade die kleinen Verlage mit voller Wucht zu spüren; da haben sie schon einmal die Möglichkeit, ihre Bücher einem größeren Publikum vorzustellen, und dann darf ausschließlich über die Messebuchhandlung verkauft werden, die als gewinnorientiertes Unternehmen an jedem verkauften Buch mitverdient, als sei es eine Selbstverständlichkeit (und als müssten die Verlage nicht ohnehin dafür bezahlen, überhaupt auf der Messe vertreten zu sein).
Ich halte es nicht für unvorstellbar, dass sich die Teilnahmebedingungen auch in den nächsten Jahren eher zugunsten der großen Verlagskonzerne entwickeln. Vielleicht werden sogar die Verlage insgesamt an den Rand gedrängt, der Amazon-Stand jedenfalls war schon auf dieser Messe von beinahe einschüchternder Dimension; es braucht nicht viel Fantasie, um diese demonstrative Raumnahme als Kampfansage zu verstehen.
Florian Rogge

1. März 2017
von Regina Nössler
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Fragen an Autorinnen: Sigrun Casper

Bist du hauptberuflich Schriftstellerin oder hast du noch eine andere Arbeit?
SC: Schriftstellerin hauptberuflich kann ich nicht sein, dann würde ich ja schreiben müssen, und zwar für Geld. Dann müsste ich mich der Zeitgeistmode anpassen. Ich bemale Stühle. Ich fotografiere.
Wie kamst du zum Schreiben?
SC: Durch meine Schwerhörigkeit als Kind. Ich verstand ja nichts. Da musste ich mich mit mir selbst unterhalten. Außerdem musste ich verstärkt meine Augen benutzen, also beobachten.
Was war das letzte Buch, das du veröffentlicht hast? Worum geht es? Wie kamst du auf die Storyidee?
SC: „Der Wortjongleur“. Der Tod meines Dichterfreundes Mario war der Auslöser.
Wie gehst du beim Schreiben vor? Hast du bestimmte Methoden, Rituale etc.?
SC: Nee. Ich setz mich hin.
Basieren deine Figuren auf Menschen, die du kennst, oder sind sie frei erfunden?
SC: Beides.
Wer ist deine liebste Figur, die du je erschaffen hast?
SC: Immer die letzte. Also Kilian Schelk, der werdende Dichter.
Schreibst du nur in einem bestimmten Genre? Welches? Was interessiert dich daran?
SC: Ich schreibe auch Gedichte. Das hört sich an wie ein Hobby. Ist es aber nicht. Zu beidem, dem Prosaischen und der kurzen Form, treibt es mich manchmal hin.
Wie kamst du zum konkursbuch Verlag?
SC: Durch Vermittlung meines verstorbenen Freundes.
Was für Bücher liest du selbst gerne? Nenne ein paar deiner Lieblingsautoren.
SC: Keine dicken. Auswalzen nervt mich. Lieblingsautoren? Stanley Ellin, Bernard Malamud, Heinrich Mann, Zeruya Shalev, Regina Nössler. Und andere.
Welches Buch liest du gerade?
SC: Keins. War verreist.

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