21. September 2016
von Sigrun Casper
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Bücher sind wie Erinnerungen

Bücher haben ihren Ort im eigenen Leben wie Erinnerungen, wie bestimmte Menschen, wie Bilder und Dinge. Erinnerungen tauchen auf und ab und wieder auf, Bilder und Dinge hängen und stehen treu um mich herum, bestimmte Menschen will ich niemals verlieren.
Die Bücher halten sich gedrängt in den Regalen. Rücken an Rücken, Etage für Etage sind sie nicht nur Zeugen einer gewissen Belesenheit, sondern ihr Vorhandensein schafft auch Atmosphäre.
Die meisten meiner Bücher habe ich nur einmal gelesen und dann auf ihren Platz geschoben, thematisch und alphabetisch geordnet: Sachbuch, Belletristik, Bildbände. Belletristik geordnet nach deutschen und internationalen Büchern. Die Sachbücher habe ich noch unterteilt nach Philosophie, Politik und sonstigem.
Es gibt übrigens auch ein breites, allmählich zu eng werdendes Regalfach für Romane und Erzählbände von Autorinnen- und Autorenfreunden. Das Verrückte ist, dass ich trotz der Ordnung manchmal ärgerlich nach einem Buch suche.
Vor ein paar Jahren, als ich in eine kleinere Wohnung umziehen wollte, trennte ich mich von über einem halben Zentner belletristischer Bücher, wissend, dass sie bei Oxfam nicht nur einem guten Zweck dienen, sondern auch andere Leser finden werden. Eine kleinere Wohnung fand ich nicht, blieb also, bereute jedoch nicht meine Trennung.
Bücher verfügen über die Eigenschaft aufzutauchen, zu bleiben und zu verschwinden. Wie Erinnerungen.
Sigrun Casper

7. September 2016
von Cornelia Jönsson
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Warum Schwimmen und Schreiben eins sind

Es ist ein heiliges Gefühl, die ersten Bahnen in einer neuen Geschichte zu schwimmen. Unberührt. Ohne Vorlasten.  Du freust dich. Du hast Energie. Vorsichtig greifst du in die glatte Oberfläche der Geschichte. Mit ganz neuen Augen schaust du durch die unbeschlagene Brille hinab. Du führst deinen Arm behutsam, während du dich eingräbst. Sanft. Du spürst die erfrischende Temperatur der Geschichte auf deiner Stirn. Sie macht dich wach.

Anders wird es später. Ab soundsoviel Metern. Deine Kräfte lassen nach. Dir wird heiß. Die Neugier auf den Text hat sich abgeschliffen auf den langen Bahnen. Die Muskeln schmerzen. Du dachtest, durch das Schwimmen würde das Wasser zu schwerelosen Wolken. Aber deine Worte reichen nicht. Du planschst mit deinen Sätzen an der Oberfläche deines Textes, du gräbst manchmal tief genug, um kleine Wellen zu schlagen, aber du dringst nicht zu seinem spezifischen Wesen vor. Du wirst nicht Teil davon. Du musst den Text mit einer unbekümmerten Behaglichkeit durchschwimmen, wie es Fische tun. Es ist nicht das Wasser, das hart ist. Du bist das. Du musst dich frei machen, damit die Geschichte dich durchdringen kann. Es reicht nicht, wenn ihre Gischt sanft gegen deine Haut schlägt. Sie muss dich durchspülen. Du musst eine Wasserpflanze sein, durch die der Text fließt, die im Text gemächlich wankt, in seinem Rhythmus. Streng dich weiter an. Schwimm noch ein paar Bahnen. Schwimm schneller. Grab dich ein. Lass zu, dass es dich erschöpft. Tauch solange unter, bis du glaubst, deine Lunge zerspringt. Sie zerspringt nicht. Du kannst länger in deiner Geschichte atmen, als du denkst. Tauch tief in sie ein. So tief, dass es dir Angst macht. Dass es kalt und dunkel wird. Tauche dorthin, wo keine anderen Augen hinsehen. Und da betrachte alles ganz genau. Befühle das Wesen deines Textes. Liefere dich deiner Geschichte aus. Gib die Kontrolle an sie ab.  Werde ein Amphib. Kein ängstlicher Wasserläufer, sondern ein Tier, das seine Landexistenz abstreifen und sich hautlos dieser Geschichte ausliefern kann. Der Text braucht deine Hingabe, so wie du seine Bereitschaft brauchst. So werdet ihr eins. Genau so.

Cornelia Jöhnsson

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