18. Januar 2017
von Claudia Gehrke
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Endlich angekommen oder Vorschaubauen

Zweimal im Jahr muss eine „Vorschau“ produziert werden. In diesem im A4-Format gedruckten Katalog werden die Bücher des je nächsten Programms vorgestellt, die Vorschau wird an Buchhändler und Rezensenten verschickt und entsteht immer in der Zeit, in der die aktuellen Bücher – die aus der vorigen Vorschau – noch frisch sind, manche gerade aus der Druckerei gekommen. Dafür, dass die aktuellen Bücher Leserinnen und Leser finden, möchte ich etwas tun! Mein Kopf und Herz sind vollständig bei den ihnen und bei noch „älteren“ Titeln – und sollten zugleich bei den Büchern aus der Zukunft sein. Ich müsste deren Cover gestalten, Kurztexte formulieren, doch ich frage mich: Wie können Leserinnen und Leser die Bücher entdecken, wenn sie quasi schon im Moment des Erscheinens dem vergangenen Programm angehören, alt sind? In vielen Buchhandlungen gelten bis auf Ausnahmen (Bestseller und so weiter) Bücher wirklich nach wenigen Monaten als alt, werden remittiert – es gibt natürlich auch unter den Buchhandlungen Ausnahmen, die auch eine Auswahl älterer Titel eines Verlags vorrätig haben, danke an diese!
Es gibt einen Termin, an dem Vorschauen fertig sein müssen: der Tag des gemeinsamen Versands (ob BuchhändlerInnen, die immer zur gleichen Zeit enorme Mengen an Vorschauen erhalten, das Gesamtpäckchen einer Auslieferung mit kleinen und kleinsten Verlagen überhaupt ansehen?). Jedes Mal aufs Neue quäle ich mich und alle anderen mit Entscheidungsfragen: Soll ich dieses Buch überhaupt machen? Dieses oder jenes Cover? Sollte ich nicht einfach das nächste Programm ausfallen lassen, damit wir uns um die vielen guten bereits vorhandenen Bücher kümmern? Ich verweigere mich lange – bis mich irgendwann kurz vor Abgabetermin doch die Lust an den Büchern aus der Zukunft überkommt. Und ich werde gerade noch rechtzeitig fertig.
In diesem Jahr war es besonders knapp. Es gab während der Zeit der Vorschauproduktion eine kleine Veranstaltung mit Autorin María Gutiérrez aus Teneriffa und Buchpakete, die im Madrider Zoll hängengeblieben waren, und Condorflüge verführerisch günstig. Ich buchte und packte als Gepäck das Buchpaket ein. Ein Tag Teneriffa, Weiterflug Freitagabend nach La Palma, ausnahmsweise nicht mit der Fähre. Am Wochenende in Ruhe Vorschau fertigmachen, so der Plan. Und dann ein paar Tage so was wie Urlaub. Ich freute mich aufs Vorschaufertigbauen mit Blick aufs Meer, Ideen für Kurztexte und Gestaltung formten sich auf der Reise. Freitagabend. Flughafen Teneriffa, Auto abgegeben. Zwei Stunden ein „Delayed/Retrasado“-Schild angestarrt, bis gecancelt wurde. Und für den nächsten Flug ein neues Verspätungsschild aufleuchtete. Ein freundlicher deutsch sprechender Bintermitarbeiter sagte, Binter würde die Übernachtung bezahlen. Eine zunehmend weniger freundliche andere Bintermitarbeiterin wies ihn zurecht – und zugleich mich, das stimme nicht bei höherer Gewalt! Schließlich Warteliste für einen Flug am Samstag. Der nächstgelegene Ort La Laguna. Auf die Frage, ob sie ein günstiges Hostal wüsste, schüttelte die Bintermitarbeiterin ungehalten den Kopf. Ich wurde jetzt auch unfreundlich, ging ihr wie andere Fragende nur noch auf die Nerven. Ihr Kollege gab mir den Tipp, Taxifahrer zu fragen. Ich holte den abgegebenen Mietwagen wieder und fuhr durch die fröhlichen Gassen La Lagunas. Außer belebten Bars und Cafés und glitzernden Weihnachtssternen sah ich nichts, kein Hostal, keine Taxifahrer. Endlich ein Taxistand. Der befragte Fahrer schickte mich einen komplizierten Weg kilometerweit spiralig in eine Randgegend, ich landete jedoch irgendwann wieder am Taxistand und fühlte mich langsam wie in einem Albtraum – der zweite befragte Fahrer schickte mich hundert Meter weit um die Ecke. Endlich eine Pension. Es war nach Mitternacht. Nichts mit Vorschau. Am Samstag dasselbe. „Retrasado“, gecancelt und so weiter. Auf La Palma wehte noch immer der falsche Wind. Nach einer Weile fand ich die Pension wieder und verbrachte eine zweite Nacht ohne Vorschaubauen – stattdessen bunte Gassen und Tapasbars und wenig Schlaf.
Endlich angekommen, ein Tag, um die verlorenen Tage aufzuholen, Abgabe in der Onlinedruckerei Montag, 18 Uhr, kein Verspätungsspielraum. Mein Internet funktionierte von einer Sekunde auf die andere nicht mehr, kurz nachdem ich atemlos und einige Schreibfehler übersehend knapp vor 18 Uhr fertig geworden war. Ich raste zu Bekannten – deren Internet funktionierte, Druck-PDF gerade noch rechtzeitig auf dem Server.
Ein Tag nach dem garantierten Liefertermin kam eine Mail der Druckerei, die Produktion verzögere sich um eine Woche. Ich tobte, erreichte Expresszustellung an zwei Adressen – Ankunft an den Versandtagen in Berlin zum gemeinsamen Presseversand mehrerer Verlage und in Maintal zum Buchhandelsversandtag. Auslieferung SoVA verschickte versehentlich die bereits in Berlin angekommene Menge noch einmal. Volker Surmann vom Satyr Verlag verweigerte die Annahme, damit die Menge an SoVA zurückgeschickt wurde. Das sei nicht einfach gewesen, denn „am nächsten Tag stand der Paketbote mit den Paketen wieder vor der Tür, und ich hab wie wild auf das Absenderfeld gedeutet und ‚retour‘ gebrüllt. Aber was soll man tun, wenn man selbst nur deutsch und englisch spricht und der Paketbote ausschließlich russisch?“ Vorgestern sind die Pakete nach knapp drei Wochen Weg von Berlin auch hier endlich angekommen, und ich habe die Anfang Dezember in Druck gegebene Vorschau erstmals in der Hand.
Und gestern habe ich ein Buch ins Programm genommen, auf das ich mich ganz besonders freue. Für die Vorschau Frühjahr 2018! Und genauso freue ich mich auf wenigstens ein Buch aus dem Herbstprogramm (und fürchte mich im Moment eigenartigerweise noch nicht vor dem nächsten Vorschaubauen). Doch bis dahin: die schönen Frühjahrsbücher, die schönen älteren Bücher betreuen. Heute ging eins meiner „Lieblingsbücher“ des Frühjahrs in Druck.
Claudia Gehrke

 

7. Dezember 2016
von Regina Nössler
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Fragen an Autorinnen: Sonja Ruf

Bist du hauptberuflich Schriftstellerin oder hast du noch eine andere Arbeit?
SR: Drei Tage die Woche betreue ich als Erzieherin nachmittags Schulkinder, vier Tage habe ich zum Schreiben frei. Das ist ideal: drei Tage wie im Taifun, vier Tage in der Stille und Einsamkeit. Davor hüpfte ich von Ast zu Ast, das heißt, ich lebte von Arbeits- oder Aufenthaltsstipendien, Lesungen, Kursen in kreativem Schreiben und jobbte in allen möglichen Berufen von der Briefzustellerin bis zur Lokaljournalistin.
Wie kamst du zum Schreiben?
SR: Das weiß ich nicht, denn schon als achtjähriges Kind begann ich, Tagebuch zu schreiben, als Elfjährige formulierte ich im Tagebuch den Berufswunsch Schriftstellerin. Ich wollte schreiben, noch bevor ich lesen konnte, wollte es schon immer. Die Lust dazu muss über das Fantasieren, über das Geschichten-Erzählen, Geschichten-Hören gekommen sein, oder es haben mich ganz einfach die Musen schon in der Wiege geküsst.
Was war das letzte Buch, das du veröffentlicht hast? Worum geht es? Wie kamst du auf die Storyidee?
SR: Das letzte Buch im konkursbuchverlag heißt „Erste Lieben“. Die Personen im Buch sind erfunden, aber das Gefühl der ersten Liebe ist wahrhaftig nachempfunden, da ich aus meinen eigenen Tagebüchern weiß, wie es sich anfühlt, das erste Mal kompromisslos, intensiv, im Bösen wie im Guten zu lieben. So ein Buch muss einmal im Leben geschrieben werden. Schon lange trug ich es in mir und musste nur den richtigen Moment abwarten, es zu schreiben.
Danach veröffentlichte ich noch „Blicke auf Gotha“. Dort sind die Kolumnen versammelt, die ich für die Thüringer Allgemeine Zeitung schrieb, als ich Stadtschreiberin von Gotha war. Es ist ein kluges, kleines Buch geworden, in das ich als Spaziergängerin durch Gotha und Weimar alles eingeflochten habe, was ich über das Leben weiß.
Wie gehst du beim Schreiben vor? Hast du bestimmte Methoden, Rituale etc.?
SR: Idealerweise schreibe ich morgens mit der ersten Tasse Kaffee und bleibe drei, vier Stunden am Laptop, nachmittags gehe ich im Wald spazieren und denke über die Arbeit nach. Abends lese ich, was ich morgens geschrieben habe und verbessere oder füge hinzu. So vergeht pro Roman ein glückliches Jahr, in dem in den Träumen und im Wald die Ideen wie die Sternschnuppen auf mich herunterrieseln. Dann kommt das mühsame zweite Jahr, in dem ich eine zweite, dritte, vierte Fassung des Romans schreibe und dann den Text Wort für Wort, Zeile für Zeile korrigiere. Während dieser Zeit kündigt sich meist schon der nächste Roman an.
Basieren deine Figuren auf Menschen, die du kennst, oder sind sie frei erfunden?
SR: Meine Romanfiguren sind stets durch echte Begegnungen inspiriert. Meine Tagebücher sind Menschenbücher, eine Sammlung von Charakteren, die schier unerschöpflich ist. Aus diesem Fonds vermische ich, wirbele durcheinander, mache unkenntlich und lege falsche Spuren.
Wer ist deine liebste Figur, die du je erschaffen hast?
SR: Hilke Maaß aus „Sprungturm“, weil ich in sie und die Frau, die mich zu Hilke inspirierte, verliebt war. Und dann die Tina-Amelia aus „Erste Lieben“, weil sie so stark liebt und so unmoralisch agiert, um diese Liebe zu gewinnen. Ich mag skurrile Leute – im Leben wie in der Literatur. Ich wäre mit meinen Romanfiguren meist gern selbst befreundet, fürchte aber, sie fänden mich zu langweilig …
Schreibst du nur in einem bestimmten Genre? Welches? Was interessiert dich daran?
SR: Ich schreibe Romane und Erzählungen, weil ich eine Erzählerin bin, ganz einfach.
Wie kamst du zum konkursbuch Verlag?
SR: Über das „Heimliche Auge“. Die Frankfurter Schriftstellerin Heike Reich empfahl mir, einmal einen Text an das „Heimliche Auge“ zu schicken. Damals war ich noch Studentin und hatte noch nichts Fiktionales veröffentlicht. Ich schickte ein paar kleine Sachen nach Tübingen – und tatsächlich: Sie druckten es ab! Während der Frankfurter Buchmesse lernte ich Claudia Gehrke kennen und mögen, und als dann später der Verlag, in dem mein erster Roman erschien, verkauft wurde, wechselte ich ganz zum konkursbuch Verlag, dessen „Love Bites“ Shows nicht so staubtrocken sind wie die Autorenlesungen anderer Häuser.
Was für Bücher liest du selbst gerne? Nenne ein paar deiner Lieblingsautoren.
SR: Ina Paul, Yoko Tawada, Jannis Ritsos, Anais Nin, Jean Rhys, Emily Bronte, Djuna Barnes, Fjodor M. Dostojewski, Joseph Conrad, Bodo Kirchhoff, Michael Ondaatje, Jayne Anne Philips, Kenzaburo Oe, Halldor Laxness, Andrea Dworkin, Jean Genet usw. – ich liebe auch die archaischen, starken, anonymen Texte der Weltliteratur, z.B. das Gilgamesch-Epos, das Alte Testament, die Volksmärchen aus aller Welt usw.
Welches Buch liest du gerade?
SR: „Kyra Kyralina“ von Panait Istrate, in der der rumänische Autor die Geschichte des homosexuellen Stavrus und seiner wunderschönen und lebhaften Schwester Kyra beschreibt. Ein Buch wie ein grausamer Rausch für eine Nacht.
Hast du eine besondere Beziehung zu „Mein heimliches Auge“?
SR: Seit ich dort 1992 zum ersten Mal veröffentlichte, finden sich in jedem „Heimlichen Auge“ und in vielen „Lesbischen Augen“ meine Texte. Ich freue mich immer auf die neuen Ausgaben, weil stets das eine oder andere Bild, der eine oder andere Text dabei ist, der mir Lust auf Sex und also auf das Leben macht. Außerdem sind die „Augen“ ein wenig wie Tagebücher, denn ich kenne viele der „Macher“, die Dargestellten, die AutorInnen, MalerInnen oder FotografInnen.

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